
Auch die Orthopädin bekommt mal eine steife HWS, so wie der Zahnarzt auch mal Karies bekommt oder der Koch sich beim Kochen die Finger verbrennt. Mir passierte es nach einer Ausritt-Runde mit offenem Autofenster: Am nächsten Morgen konnte ich meinen Kopf kaum noch drehen. Willkommen im Herbst, der Hochsaison für Nackenverspannungen
Was passiert eigentlich in der Nackenmuskulatur?
Die Halswirbelsäule trägt permanent das Gewicht des Kopfes (5–6 kg) bei gleichzeitig hoher Beweglichkeit- ein biomechanischer Kompromiss, der die umgebende Muskulatur (M. trapezius, Mm. suboccipitales, M. levator scapulae) dauerhaft unter Spannung hält. Bei den meisten Nackenschmerzen lässt sich keine einzelne strukturelle Ursache finden; man spricht von unspezifischem Nackenschmerz, der aus dem Zusammenspiel mechanischer, muskulärer und psychosozialer Faktoren entsteht. Die Pathophysiologie ist nicht vollständig geklärt, es gibt aber Hinweise auf eine gestörte oxidative Stoffwechsellage und erhöhte schmerzauslösende Substanzen in der Nackenmuskulatur.
Klinisch entstehen daraus tastbare, druckschmerzhafte Muskelstränge sogenannte Myogelosen bzw. myofasziale Triggerpunkte, die typischerweise in verlängerte Verspannung und teils in ausstrahlenden Kopfschmerz übergehen.
Cortisol als Verstärker
Ein Faktor, der die HWS-Problematik im Herbst zusätzlich befeuert, wird oft übersehen: Cortisol, unser zentrales Stresshormon aus der HPA-Achse. Bei anhaltendem Stress steigt der Cortisolspiegel chronisch an, sensibilisiert das sympathische Nervensystem und führt zu einer reflektorischen Daueranspannung der Nackenmuskulatur. Zusätzlich bremst chronisch erhöhtes Cortisol die Regeneration von Muskel- und Fasziengewebe. Kürzere Tage und weniger Licht verstärken diesen Effekt im Herbst zusätzlich.
Die gute Nachricht: Gegensteuern ist möglich. Eine randomisiert-kontrollierte Studie an Frauen mit systemischer Sklerose zeigte, dass eine 12-wöchige diaphragmatische Atemübung Cortisol sowie Angst- und Schlafparameter verbessern konnte (Ismail et al., 2025). Eine weitere RCT an Frauen mit Typ-2-Diabetes fand eine deutlichere Cortisolreduktion (30 % vs. 20 %), wenn zum aeroben Training zusätzlich langsame, tiefe Atmung und Achtsamkeitsmeditation eingesetzt wurden (Obaya et al., 2023).
Was kann helfen?
Manuelle Medizin / Mobilisation der oberen HWS und BWS
Gezieltes Krafttraining der Nackenextensoren und Skapulastabilisatoren
Haltungskorrektur, ergonomische Anpassung des Arbeitsplatzes
Langsame Atemtechniken zur Cortisolregulation (z. B. 5–10 Minuten täglich)
Physiotherapie, Stoßwellentherapie bei chronifizierten Ansätzen
Bei hartnäckigen Myogelosen: Akupunktur oder gezielte Injektionstherapie (z. B. Triggerpunkt-Infiltration, Neuraltherapie)
Bei sehr therapieresistenten Myogelosen, die auf all diese Maßnahmen nicht ausreichend ansprechen, kann in Einzelfällen auch Botulinumtoxin eine Option sein (Climent et al., 2013)- das wird individuell in der sportorthopädischen Sprechstunde besprochen.
Mein Fazit
Selbst wer den Nacken beruflich behandelt, ist vor dem Herbstwind und dem eigenen Cortisolspiegel nicht sicher. Eine strukturierte Diagnostik (Haltung, Kraft, Beweglichkeit), gezielte Manuelle Medizin und Training stehen an erster Stelle, bevor man über weitere Schritte nachdenkt.
Häufige Fragen
Woher kommen HWS-Verspannungen im Herbst?
Kälte, Zugluft und mehr Sitzzeit am Schreibtisch erhöhen den Muskeltonus in der Nackenmuskulatur reflektorisch. Zusätzlich verstärkt der saisonal steigende Cortisolspiegel durch kürzere Tage die Grundspannung der Muskulatur.
Was hilft schnell bei einer akuten HWS-Verspannung?
Wärme, sanfte Mobilisation und ruhige Bewegung lindern akute Beschwerden meist innerhalb weniger Tage. Bei anhaltenden Beschwerden lohnt sich eine sportorthopädische Untersuchung, um Ursachen strukturiert abzuklären.
Kann Stress tatsächlich zu Nackenverspannungen führen?
Ja. Chronischer Stress erhöht den Cortisolspiegel, der wiederum die Muskulatur reflektorisch anspannt und die Regeneration verzögert- ein Kreislauf, der Verspannungen chronifizieren kann.
Sollte ich bei wiederkehrenden HWS-Verspannungen zum Orthopäden gehen?
Ja, insbesondere wenn die Verspannungen häufig wiederkehren, in den Kopf ausstrahlen oder auf einfache Maßnahmen, wie Wärme, Bewegung und Physiotherapie über mehrere Wochen nicht ansprechen. Dann ist eine strukturierte Diagnostik wichtig, die hilft muskuläre von strukturellen Ursachen zu unterscheiden.
Quellen
Climent JM, Kuan TS, Fenollosa P, Martin-del-Rosario F. Botulinum Toxin for the Treatment of Myofascial Pain Syndromes Involving the Neck and Back: A Review from a Clinical Perspective. Evid Based Complement Alternat Med. 2013;2013:381459.
Ismail AMA, El Gressy NSS, Hegazy MD, Ahmed OSM, Elfahl AMA-H. Effects of diaphragmatic breathing exercise on sleeping quality, cortisol, cardiovascular autonomic functions, depression, and fatigue: a randomized-controlled trial in women with systemic sclerosis. Reumatologia. 2025;63(2):89–96.
Obaya HE, Abdeen HA, Salem AA, Shehata MA, Aldhahi MI, Muka T, Marques-Sule E, Taha MM, Gaber M, Atef H. Effect of aerobic exercise, slow deep breathing and mindfulness meditation on cortisol and glucose levels in women with type 2 diabetes mellitus: a randomized controlled trial. Front Physiol. 2023;14:1186546.

