
Das Reitsportsymposium, das jedes Jahr im November stattfindet, wurde ins nächste Frühjahr verschoben. Als kleinen Trost gibt es dafür ein Thema, das dort gut hingepasst hätte: Adduktorenbeschwerden beim Reiten.
Die Adduktoren sind die Muskeln an der Innenseite des Oberschenkels. Beim Reiten schließen sie das Bein am Pferd und halten Becken und Rumpf stabil. Als Sportmedizinerin mit Schwerpunkt Reitsport begegnet mir das Thema regelmäßig.
Zur Studienlage vorab: Es gibt erstaunlich wenige Untersuchungen speziell zu Reiterinnen und Reitern. Vieles stammt aus dem Fußball. Ich sage bei jeder Studie dazu, wen sie untersucht hat.
Warum die Adduktoren beim Reiten so gefordert sind
Im Sattel springen die Adduktoren als Stabilisatoren ein, wenn der Sitz unruhig wird. Das legt eine kleine japanische Studie nahe: Drei fortgeschrittene und drei weniger geübte Reiterinnen und Reiter wurden im Schritt, Sitztrab und Galopp mit Elektromyografie untersucht. Im Sitztrab war der Oberkörper der weniger Geübten unruhig, und die Messung deutet auf kurze, gegenhaltende Aktivität des großen Adduktors hin. Mit sechs Teilnehmenden ist das ein Hinweis, kein Beweis.
Wie sehr die Muskelsteuerung vom Können abhängt, zeigt eine Studie mit Reitenden der Spanischen Hofreitschule in Lipica (9 Profis, 6 Freizeitreitende). Die Profis setzten ihre Rumpfmuskulatur stärker ein, steuerten einzelne Muskeln unabhängig voneinander an und konnten die Gesamtspannung schnell wieder senken. Bei den Freizeitreitenden zeigten sich mehr, aber weniger geordnete Muskelmuster. Aus meiner Sicht liegt genau hier das Risiko für die Adduktoren: Wer dauerhaft „alles anspannt“ und mit den Beinen klammert, überlastet sie. Klassisch wirkt man über die flache Wade ein, der Oberschenkel dient nicht als Klammer.
Was wir über Beschwerden bei Reitenden wissen:
Hüfte: Laut der Einleitung einer aktuellen Studie an deutschen Turnierreitenden betreffen Hüftschmerzen etwa 8 bis 19 % der Reitenden und gehen mit eingeschränkter Beckenstabilität und Leistungseinbußen einher.
Rücken vor Leiste: In einer britischen Pilotstudie an Dressur-Spitzenreitenden gaben 76 % Rückenschmerzen an, 8 % Hüftschmerzen. Bei Elite-Reitenden hatten 88 % schon einmal Rückenschmerzen, in der Vergleichsgruppe 33 %.
Männliche Reiter: In einer Umfrage unter 384 Reitern berichteten 57 % über Schmerzen oder Verletzungen in Leisten-, Genital- oder Beckenbereich, 43 % mussten zeitweise pausieren. Das Risiko war mit Tiefsitzsätteln höher (OR 1,56), das Reitniveau spielte keine Rolle, und 32,5 % nannten das Aussitzen des Trabs als Auslöser.
Wichtig: Die letzte Studie liegt nur als Kurzfassung vor, beruht auf einer Befragung und betrifft nicht ausschließlich die Adduktoren. Verlässliche Zahlen zur Häufigkeit reiterspezifischer Adduktorenbeschwerden fehlen bisher.
Typische Beschwerden und Ursachen
Leistenschmerz hat bei Sportlern selten nur eine Ursache. Ein internationaler Expertenkonsens (Doha-Konsens) unterscheidet adduktorenbezogene, hüftbeugerbezogene, leistenbezogene und schambeinbezogene Leistenschmerzen sowie hüftbezogene und weitere Ursachen. Beim adduktorenbezogenen Schmerz sitzt der Schmerz an der Innenseite des Oberschenkels, ist druckempfindlich und tritt vor allem bei Anspannung der Adduktoren gegen Widerstand auf.
In einer Spezialsprechstunde für Leistenschmerz bei 100 Sportlern, überwiegend männlichen Fußballern, war der adduktorenbezogene Schmerz mit 61 % am häufigsten. Bei 44 % lagen mehrere Ursachen gleichzeitig vor.
Risikofaktoren aus dem Sport (überwiegend Fußball):
Eine frühere Leistenverletzung erhöht das Risiko, auch wenn sie bis zu 20 Monate zurückliegt.
Eine geringe Adduktorenkraft gilt als wichtiger, veränderbarer Risikofaktor.
Aus meiner Reitersprechstunde: Ich sehe Zerrungen, Faser- und Muskelbündelrisse bis zum Komplettabriss, chronische Ansatzsehnenbeschwerden, eine Osteitis pubis und Stressfrakturen. Ich unterscheide drei Ursachengruppen:
Traumatisch: Verletzung durch ein einzelnes Ereignis.
Funktionelle Überbeanspruchung: Wiederholte Mikrotraumata an den Ansätzen der Bauch- und Adduktorensehnen. Dahinter steht oft ein Kraftungleichgewicht zwischen verspannten Adduktoren und zu schwacher Bauchmuskulatur. Risikofaktoren sind eine verkürzte hintere Muskelkette oder verkürzte Hüftbeuger, eine verstärkte Lendenlordose, Gelenkveränderungen an Kreuz-Darmbein- und Hüftgelenk, eine Fehlstellung des Kiefers, mangelnde Fußunterstützung und Beinasymmetrien.
Falscher Sitz: Ein festes Becken kann nicht in der Mittelposition mitschwingen, und ein instabiler Rumpf stabilisiert das Becken nicht ausreichend.
Diagnostik: Der Schmerz sitzt nicht immer, wo die Ursache liegt
Bei Leistenschmerz untersuche ich immer auch Hüfte und Rücken. In einer Auswertung von 894 Patientinnen und Patienten mit lang anhaltendem Hüft- und Leistenschmerz war die Hüfte am häufigsten betroffen (56 %), meist durch ein Impingement (40 %), Labrumeinrisse (33 %) oder Arthrose (24 %). Adduktorenschmerz trat selten allein auf.
Was ich in der Untersuchung prüfe:
Vorgeschichte: Wann tritt der Schmerz auf, in welcher Gangart, nach welchem Ereignis? Dazu gehören Disziplin, Reitniveau und Sicherheitsausrüstung.
Adduktoren: Druckschmerz am Ansatz am Schambein und Anspannung gegen Widerstand.
Hüfte: Beweglichkeit und Provokationstests auf ein Impingement.
Becken und Wirbelsäule: Iliosakralgelenk und Lendenwirbelsäule, denn Rückenschmerz ist bei Reitenden häufig.
Bildgebung: Gezielt bei Verdacht auf ein Hüftproblem, eine Stressreaktion des Knochens oder einen untypischen Verlauf.
Dazu kommen eine Videoanalyse beim Reiten und ein Athletikstatus mit Kraftmessung sowie Stabilisations- und Beweglichkeitstests. Die Adduktoren werden vom Nervus obturatorius (L2 bis L4) versorgt, deshalb gehört der Rücken immer mit in die Untersuchung.
Was hilft: Training als Basis
Gezieltes Adduktorentraining ist die am besten belegte Maßnahme, bisher allerdings nur bei Fußballern. In einer Studie mit 35 norwegischen Mannschaften (652 Spieler) machte die Interventionsgruppe eine einzige Übung in drei Schwierigkeitsstufen: Zwei- bis dreimal pro Woche in der Vorbereitung, in der Saison einmal pro Woche und weniger als fünf Minuten. Die Zahl der Spieler mit Leistenbeschwerden lag bei 13,5 % statt 21,3 %, das Risiko war um 41 % niedriger (OR 0,59). Bei erheblichen Beschwerden war der Unterschied (18 %) nicht signifikant. Die Angaben beruhen auf Selbstauskünften.
Die Übung ist das Copenhagen-Adduktorentraining: Im Seitstütz hält ein Partner das obere Bein, das untere Bein wird abgesenkt und wieder angehoben. Wer dabei Schmerzen über 3 von 10 hat, wechselt auf eine leichtere Stufe, zum Beispiel seitliches Anspreizen im Liegen. Ein systematisches Review fand bei allen vier Studien mit dieser Messgröße einen Kraftzuwachs der Adduktoren. Ob dadurch weniger Verletzungen entstehen, muss weiter untersucht werden.
Ob sich das auf Reitende übertragen lässt, hat bisher niemand geprüft. Es ist plausibel, aber nicht belegt.
In meiner Reitersprechstunde kombiniere ich eine gezielte Diagnostik mit einem individuellen Trainingsprogramm, das auch abseits des Sattels stattfindet.
Muskuläre Dysbalance: Auch die Gegenspieler trainieren
Aus meiner Erfahrung sind bei Reitenden die Adduktoren oft überlastet, weil sie im Sattel dauerhaft arbeiten, während Abduktoren und Gesäßmuskulatur zu wenig gefordert werden. Dieses Ungleichgewicht sehe ich häufig, wenn Adduktorenbeschwerden bestehen.
Zur Einordnung: Für Reitende ist das nicht untersucht. Die Fußballstudien beschreiben eher das umgekehrte Muster, nämlich ein höheres Risiko bei zu geringer Adduktorenkraft im Verhältnis zu den Abduktoren. Bei Reitenden mit dauerhaft angespannten Adduktoren kann es anders liegen, deshalb gehört das Training individuell angepasst.
Was das für die Behandlung heißt: Ich messe die Kraft von Adduktoren und Abduktoren im Seitenvergleich und stelle daraus ein individuelles Programm zusammen. Es hängt vom Befund ab, ob zuerst mobilisiert, stabilisiert oder gekräftigt wird. Pauschale Übungen helfen selten.
Was bedeutet das für die Praxis?
Früh abklären: Bleibt der Schmerz länger als zwei Wochen oder tritt er nach einem Sturz, in Ruhe oder nachts auf, gehört er untersucht.
Nicht durchreiten: Wer trotz Schmerz weiterreitet, riskiert einen langen Ausfall.
Training anpassen: Auf der leichtesten Stufe beginnen, Schmerz höchstens 3 von 10, dann steigern.
Sattel und Sitz prüfen: Tiefsitzsättel waren in einer Umfrage mit mehr Schmerzen verbunden. Der Schenkel sollte nicht klemmen.
Langsam aufbauen: Nach einer Pause oder zum Saisonstart das Pensum schrittweise steigern.
Mein Fazit
Schmerzen an der Innenseite des Oberschenkels haben beim Reiten oft mehrere Ursachen, deshalb lohnt sich eine gründliche Abklärung, bevor man mit dem Training beginnt. Die Studienlage zu Reitenden ist dünn, die zu gezieltem Adduktorentraining stammt aus dem Fußball. Ich halte es trotzdem für sinnvoll, Dysbalancen auszugleichen und dabei Hüfte, Rücken und Sattel nicht zu vergessen.
Häufige Fragen
Sind Adduktorenbeschwerden beim Reiten typisch? Sie kommen vor, aber es gibt kaum Studien speziell dazu. Häufiger genannt werden Rückenschmerzen und Hüftschmerzen.
Kann ich weiterreiten? Das hängt von Ursache und Schmerz ab. Bei starkem oder zunehmendem Schmerz zuerst abklären lassen.
Was ist das Copenhagen-Adduktorentraining? Eine Kraftübung für die Adduktoren aus dem Fußball, die in drei Stufen aufgebaut wird (Beschreibung siehe oben).
Gilt das auch für Reiterinnen? Die Trainingsstudien untersuchten fast nur Männer im Fußball. Für Reiterinnen gibt es zu Adduktoren kaum Daten.
Brauche ich ein MRT? Nicht bei jedem. Zuerst kommt die klinische Untersuchung.
Kann der Sattel schuld sein? Bei männlichen Reitern waren Tiefsitzsättel mit mehr Schmerzen im Leisten- und Beckenbereich verbunden. Das betrifft nicht nur die Adduktoren.
Quellen
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